Innovatives System zur Abfallbewirtschaftung

Innovatives System zur Abfallbewirtschaftung
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Thomas Graf, Schneider Electric; Manuel Wyss, System-Alpenluft AG; Rolf Graf, Schneider Electric
07.02.2014 | Zermatt schrieb das Abfuhrwesen neu aus, um eine Lösung für seine grossen Abfallmengen zu finden. Den Zuschlag erhielt das System-Alpenluft mit elektrisch betriebenen Fahrzeugen und Containern, die den Abfall bereits auf den Sammelstellen komprimieren. Die Presscontainer lassen sich zudem mit einer konfigurierbaren Einwurfberechtigung ausrüsten und eignen sich für verschiedenste Gebührensysteme.

In der Hochsaison halten sich weit über 30’000 Personen in Zermatt auf. Sie fahren dort nicht nur Ski, übernachten in einem Hotel oder besuchen ein Restaurant, sie generieren auch tagtäglich Abfall. Die bei den örtlichen Sammelstellen platzierten Container füllten sich im Laufe der Jahre immer schneller; auch bei Sammelstellen mit bis zu 9 Containern musste der Abfall zweimal täglich abgeholt und zur weit entfernten Kehrichtverbrennungsanlage in Gamsen transportiert werden. 

Viel Potenzial für innovative Lösung
Platz für noch mehr Container stand wirklich nicht mehr zur Verfügung, weshalb Zermatt im Jahr 2010 seine gesamte Abfallbewirtschaftung öffentlich ausschrieb. Dabei suchte die Gemeinde nach einer Lösung, die der Problematik begegnen würde, statt ihr nur nachzuhinken. Attraktiv an der Ausschreibung war, dass das Mandat über 10 Jahre Bestand haben sollte, bevor es erneut ausgeschrieben würde. Dies animierte die Bewerber dazu, längerfristig zu denken und auch nicht vor Innovationen und den damit verbundenen Investitionen zurückzuschrecken. Matthias Schwendimann, Geschäftsleiter der Schwendimann AG aus Münchenbuchsee, die den Auftrag schliesslich gewann, verbrachte 3 Wochen vor Ort, um die Schwächen des bisherigen Systems gründlich zu durchleuchten. Er erkannte bald, dass der Abfall bereits bei den einzelnen Sammelstellen komprimiert werden musste, um die Platzproblematik überhaupt lösen zu können. Zudem fand er, dass dieselbetriebene Kehrichtwagen, die ins über 40 Kilometer entfernte Gamsen pendelten, schlecht zu einem autofreien Kurort passten. Und drittens sah er, dass kleinere und wendigere Fahrzeuge für die schmalen Gässchen und Strässchen weit besser geeignet wären. Potenzial für eine innovative Lösung war somit vorhanden.


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Elektrische Sammelfahrzeuge für Zermatt
Im Dezember 2010 erhielt die Schwendimann AG den Zuschlag für ihr System, das im Wesentlichen aus Presscontainern, elektrisch betriebenen Sammelfahrzeugen und einem Bahntransport des Abfalls nach Gamsen bestand. «Damit wird Zermatt zum ersten Kurort, der seinen Abfall ökologisch entsorgt», sagt Manuel Wyss, Projektleiter der System-Alpenluft AG, die Schwendimann zur konkreten Ausarbeitung des Systems gründete. «Beim Transportfahrzeug entschieden wir uns relativ rasch für den Seitenstapler, der in der holzverarbeitenden Industrie weit verbreitet ist», führt Manuel Wyss aus. «Diese Fahrzeuge sind extrem wendig, verfügen bereits über einen seit vielen Jahren erprobten Elektroantrieb und lassen sich zudem als universelles Transportgerät auch für andere Aufgaben einsetzen.» Bei der systematischen Prüfung ihrer Tauglichkeit für den vorgesehenen Dauerbetrieb zeigte sich auch, dass einzig die Verkabelung grösser dimensioniert werden musste.

Unglaublich hohes Schluckvermögen
Das Herzstück des Systems stellen indes die Presscontainer dar. «Solche Container gibt es seit rund 40 Jahren, aber sie wurden bisher nur im grossen Massstab eingesetzt», erklärt Manuel Wyss. Für Zermatt wurden daher eigene Container entwickelt, die auf den Seitenstapler passen. Einer dieser kleinen Presscontainer schluckt unglaubliche 450 Kehrichtsäcke oder den Inhalt von 28 herkömmlichen 800-Liter-Containern. Möglich macht dies seine Pressvorrichtung, die den Abfall komprimiert und die Luft aus den Säcken und dem Müll drückt. Die Benutzer öffnen eine Klappe und legen den Kehrichtsack in die Einwurftrommel. Nach dem Schliessen der Klappe dreht sich die Trommel und der Sack fällt in einen kleinen Vorraum. Immer nach 3 eingeworfenen Säcken startet die Schneckenpresse und stösst den Abfall in den Containerbehälter. Gleichzeitig dichtet die Presse den Container so gut, dass praktisch keine Geruchsemissionen auftreten. Ist der Behälter letztlich voll, wiegt er rund 4 Tonnen. «Auch hier greift die ökologie wieder», erläutert Manuel Wyss, «Gegenüber einem konventionellen System wird die Verdichtung von der Sammlung getrennt. Der bereits verdichtete Abfall wird nur noch abgeholt – mit einem elektrisch betriebenen Fahrzeug.» Der Seitenstapler lädt den vollen Container auf und fährt ihn zur zentralen Sammelstelle, wo er für den Transport nach Gamsen in Bahncontainer umgeschlagen wird.


Bedienung und Konfiguration: alles per Karte
Grosse Abfallmengen bei knappem Raum sind ein allgemeines urbanes Phänomen und nicht nur eine Zermatter Eigenheit. Daher lag es nahe, angesichts der kostenintensiven Entwicklung auch Bedürfnisse anderer Orte zu berücksichtigen. Zermatt finanziert die Kehrichtabfuhr seit Dezember 2012 über gebührenpflichtige Abfallsäcke. Dieses System funktioniert hier gut genug, zumal mit der orangen Farbe der Säcke auch die soziale Kontrolle greift. Andere Orte ziehen dagegen strenger kontrollierbare Lösungen vor, bei denen die Konsumenten ein Abfallguthaben kaufen müssen, von dem entweder pro Einwurf oder nach Gewicht ein Betrag abgebucht wird. Mit diesem Wunsch wandte sich System-Alpenluft an Schneider Electric. «Wir schlugen eine Lösung im Kreditkartenformat mit der RFID-Technologie vor», erklärt der Application Design Expert Rolf Graf. Legt man die Karte in den Leseschacht, lässt sich die Klappe öffnen und der Müllsack einwerfen. Wichtig war dabei, dass die Karte nicht entnommen werden kann, bevor der Betrag abgebucht ist. Daher öffnet sich die Einwurfklappe nur, wenn der Leseschacht geschlossen wird. Dieser wird erst wieder freigegeben, wenn die Karte belastet ist. Da solche Karten jedoch prinzipiell manipulierbar sind, wurden sie mit einem Softwareschlüssel versehen, der allfällige Eingriffe bemerkt und die Karte dann entwertet. Mit weiteren Karten, die Konfigurationsdaten enthalten, lassen sich die Container einfach und ohne weitere Ausbildung des Bedienpersonals vor Ort konfigurieren. Auf demselben Gerät, auf dem sich Guthaben auf eine Benutzerkarte laden lässt, werden auch Sackoder Kilogebühren auf diesen Konfigurationskarten abgelegt. In mechanischer Hinsicht war überdies wichtig, dass der Presscontainer kinder- und vandalensicher ist. Es musste unbedingt verhindert werden, dass Kinder in den Container fallen können. Die Drehvorrichtung der Trommel blockiert deshalb bei einer Last von 10 Kilogramm automatisch. 

System mit Zukunft
Zermatt bietet ideale klimatische Bedingungen zur Erprobung eines Prototyps. Wenn Hard- und Software klaglos auch bei minus 25 Grad funktionieren, darf man von einer robusten Lösung ausgehen. Nicht umsonst interessieren sich bereits die Städte Bergen und Melbourne für die platzsparenden Presscontainer von Alpenluft. Denn angesichts der in den meisten Städten herrschenden Platznot und Abfallflut sind neue Formen der Abfallbewirtschaftung sehr gefragt, gerade wenn sie auch noch energiesparend sind. Und doch sind die Hürden, die neue Lösungen nehmen müssen, nicht zu unterschätzen. So musste sich System-Alpenluft lange gedulden, bis die Einsprachen eines bei der Vergabe unterlegenen Konkurrenten endlich vom Tisch waren. Seit Mitte 2013 aber sammeln Elektrofahrzeuge die Presscontainer von rund 40 Sammelstellen ein. Zermatt verfügt damit über ein einzigartiges und wesentlich ökologischeres Abfuhrwesen als jeder andere Ort.


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