Wärmeabstrahlung durch das atmosphärische Fenster
Kernstück des Systems ist eine transparente Schicht aus einer Siliziumdioxidplatte, die mit dem Silikonpolymer Polydimethylsiloxan (PDMS) beschichtet ist. Diese lässt Sonnenlicht nahezu ungehindert passieren und gibt gleichzeitig Wärme als Infrarotstrahlung durch das atmosphärische Fenster an den Weltraum ab – einen Wellenlängenbereich, in dem die Erdatmosphäre für Wärmestrahlung besonders durchlässig ist. Hinter dieser Schicht trifft das Sonnenlicht gebündelt auf einen kleinen photovoltaisch-thermischen Kollektor. Dieser erzeugt Strom und Wärme.
In Freilandversuchen erreichte der Prototyp gleichzeitig eine Kühlung bis 6,5 Grad Celsius unter Umgebungstemperatur, eine elektrische Leistungsdichte von 60,6 Watt pro Quadratmeter und Temperaturen von bis zu 110,8 Grad Celsius für die Wärmenutzung.
„Feuer“ und „Eis“ in einem System
„Wir zeigen, dass ein einziges System gleichzeitig die Sonne und die Kälte des Weltalls nutzen kann“, sagt Huang, der die Forschungsgruppe Hybrid Solar Technologies Lab am KIT leitet.
Die größte Herausforderung bestand darin, zwei gegensätzliche Prozesse miteinander zu verknüpfen. „Wir bringen ‚Feuer‘ und ‚Eis‘ zusammen“, verbildlicht Huang. Während der Solarkollektor möglichst viel Sonnenenergie aufnehmen soll, muss der Strahlungskühler möglichst kühl bleiben.
Kühlschicht trennt heißen und kalten Bereich
„Wir haben dieses Problem gelöst, indem das Sonnenlicht zunächst die transparente Kühlschicht durchdringt und erst darunter eine Fresnel-Linse das Licht auf einen deutlich kleineren Solarkollektor bündelt. So bleiben der heiße Solarkollektor und die kühlende Schicht räumlich voneinander getrennt“, erklärt Iván Alberto Cruz García vom Lichttechnischen Institut des KIT, Doktorand und Erstautor der Studie.
Multifunktionales Energiesystem
Die Studie knüpft an frühere Arbeiten des Teams an, das 2024 ein transparentes Material vorgestellt hat, das Gebäude passiv kühlt und gleichzeitig Tageslicht durchlässt. „Darauf aufbauend haben wir nun die Strahlungskühlung durch die Komponente zur Nutzung der Solarenergie ergänzt. So wird aus einer einzelnen Oberfläche ein multifunktionales Energiesystem“, sagt Huang. Als Nächstes wollen die Forschenden unter anderem die Führung des Sonnenlichts, das Wärmemanagement und die Solarzellen optimieren.
Für Huang steht die Studie, die in Kooperation mit dem Experten auf dem Gebiet der PDRC Professor Shanhui Fan von der Stanford University (USA) entstand, für einen Perspektivwechsel: „Die Sonne ist nicht die einzige Energiequelle am Himmel. Auch die Kälte des Weltraums ist eine erneuerbare Ressource. Wenn wir lernen, die heiße Sonne und die Kälte des Weltalls gemeinsam zu nutzen, können wir eine neue Generation von Energiesystemen erschließen.“ (cka)