Wenn in Japan die Erde bebt,
spüren wir das bis ins Emmental

Wenn in Japan die Erde bebt, spüren wir das bis ins Emmental
Titelbild der Studie SIES, kostenloser download unter: aussenhandel.postfinance.ch
28.08.2013 | PostFinance hat in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Wirtschaft Freiburg eine Studie zum Internationalisierungsverhalten der Schweizer KMU herausgegeben. Neben Fragen zum Umgang mit Innovation, zum Aufbau von Führungskräften und zu Chancen im Direktexport war auch das Risikomanagement ein Thema.

„Interessanterweise machen nicht einmal die Hälfte aller KMU in der Schweiz ein strategisches Risikomanagement,“ erklärt Rico Baldegger, Professor für Management und Entrepreneurship an der Hochschule für Wirtschaft Freiburg und Leiter der Studie zum Internationalisierungsverhalten der Schweizer KMU (SIES). Das liege einerseits daran, dass sich Unternehmer stark auf die Kraft ihres Brands und die Qualität ihrer Produkte verliessen, aber auch daran, dass ein strategisches Risikomanagement entsprechende Ressourcen benötige. Jungen und vor allem kleinen Unternehmen fehle es aber oft an Ressourcen, so Baldegger weiter. Auf die Frage, ob junge Unternehmer zu naiv seien oder die Risiken nicht ernst nehmen würden, kontert er aber mit Bestimmtheit: „Ich glaube nicht, dass es Naivität ist, sondern eher natürlich unternehmerisches Vorgehen, die Geschäftsgelegenheiten zu erkennen, und natürlich, in einer schnellen Zeit, diese auch schnell zu realisieren. Ein langfristiges Risikomanagement macht dann Sinn, wenn die Märkte stabil sind. Wenn die Märkte aber sehr dynamisch sind, dann muss man das Risikomanagement ständig anpassen. Und ist man dann noch fähig, es immer anzupassen? Das ist eine zweite Frage.“
 
Das persönliche Netzwerk sichert ab
Baldegger, der die Studie bereits zum dritten Mal durchgeführt hat, weiss, dass Unternehmer andere Mittel nutzen, um sich abzusichern. „Unternehmer sichern sich in erster Linie durch ihr persönliches Netzwerk ab, durch Diskussionen mit anderen Unternehmern, welche dieselbe Erfahrung gemacht haben. Diesem Netzwerk vertrauen sie.“ Auch Eva Jaisli, seit mehr als 30 Jahren CEO des Familienunternehmens PB Swiss Tools, sieht im persönlichen Netzwerk eine Basis zur Risikominimierung. Das Unternehmen ist in weltweit 61 Ländern tätig und verfügt seit langem über ein integriertes Risikomanagement. Dennoch bekommt es natürlich das Problem der Währungsrisiken und auch die Auswirkungen der Rezession in den südlichen Ländern Europas zu spüren. Genau deshalb, so meint Jaisli, sei es so wichtig, immer wieder neue Geschäftsgelegenheiten zu erkennen und diese auch zu nutzen. Dafür sei das persönliche Netzwerk die wichtigste Voraussetzung: „Wir erkennen die Trends am besten und im richtigen Moment, wenn wir mit den richtigen Partnern und Märkten in Kontakt stehen,“ erklärt sie. „Wir analysieren laufend, wo die innovativsten Kunden, und auch die innovativsten Wettbewerber sind. Mit ihnen stehen wir im kontinuierlichen persönlichen Austausch, damit wir die lokalen Kundenpräferenzen kennen.“

Video/Präsentation:

Vorsprung durch Innovation

Auch das Westschweizer Unternehmen Movement Skis mindert das Risiko der Wettbewerbsfähigkeit durch ständigen Austausch und die daraus entstehenden Innovationen. „Wir müssen immer auf dem Laufenden sein, und das in verschiedenen Branchen,“ erzählt Vincent Bardy, Export Leiter bei Movement Skis. „In unserem Produkt vereinen sich Innovationen aus der Aviatik, der Automobilindustrie, der Mode.“ Da verwundert es nicht, dass ein grosses Netzwerk nötig ist, um immer die neusten Trends zu kennen und sie für das eigene Unternehmen zu nutzen. Laut Baldegger weisen auch die Ergebnisse der Studie auf dieses Zusammenspiel hin: „Wenn man Innovation und Risikomanagement zusammenhängend betrachtet, dann gibt das innovative Verhalten einem Unternehmen immer einen Vorsprung auf die internationale Konkurrenz“.
 
Risiken und Chancen dicht beieinander
Die „Nicht-Kopierbarkeit“ durch innovativen Vorsprung zu erhalten, und gleichzeitig weltweit die möglichen „Kopierer“ im Auge zu behalten, ist schwierig: „Wir hatten vor ein paar Jahren von einer Firma in Australien gehört, die unseren Namen, samt dem Logo und dem Schriftzug verwendete,“ erinnert sich Bardy. „Unsere Anwälte prüften den Fall.“ Dabei stellte sich heraus, dass unter dem Namen der Schweizer Firma ein ganz anderes Produkt verkauft wurde: FlipFlops. Es handelte sich um einen Australier, der ein paar Dutzend FlipFlops pro Jahr umsetzte. Eine Bagatelle, gegen die vorzugehen sich der Aufwand nicht lohnte. „Vielleicht wird unser Logo nun dadurch auch am Strand von Australien bekannt“, schmunzelt Bardy.

Ein Restrisiko wird immer bleiben

„Gerade im internationalen Geschäft gibt es immer wieder Risiken, die man unmöglich voraussehen kann“, erklärt Baldegger. Ein Beispiel dafür ist das Erdbeben von Fukushima. Seit Jahrzehnten arbeitete PB Swiss Tools in Japan in enger Partnerschaft mit der Firma Kiichi Tools zusammen. „Nach dem Erdbeben waren die Mitarbeitenden von Kiichi Tools mehr als zwei Tage in der Metro blockiert, erinnert sich Jaisli. „Es konnte also nicht mehr gearbeitet, keine Bestellung mehr aufgenommen werden. Gleichzeitig stieg durch das Ereignis die Anfrage für Bike Tools enorm an, weil viele Menschen in Tokyo nicht mehr in die Metro einsteigen wollten und lieber das eigene Fahrrad aus der Garage herausgeholt haben, um sicher am Arbeitsplatz anzukommen.“ Diese Entwicklung zeige, wie unvorhersehbar konjunkturelle, politische oder umweltbedingte Risiken sein könnten. „Wir werden niemals alle Risiken im Griff haben“, meint Jaisli. „Wenn also in Japan die Erde bebt, dann spüren wir das unter Umständen bis ins Emmental“.


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