Lebensmittel Export Markt China

Lebensmittel Export Markt China
Kilian Widmer, Leiter des Swiss Business Hub in Singapor und Referent bei Connect China 2011
21.05.2012 | Mit über 8% Wirtschaftswachstum ist China weiterhin ein prosperierender Markt. Das gilt auch für die Nahrungsmittelbranche. Der stellvertretende Leiter des Swiss Business Hub China in Schanghai, Kilian Widmer, illustriert im Interview mit «export!» dem Magazin von Osec, die aktuellen Verhältnisse in dem Riesenland sowie die optimale Vorgehensweise für Schweizer KMU.

In Kürze wird eine Studie über den Lebensmittelsektor Chinas erscheinen (a.d.R. welche am Connect China Anlass auch Vorgestellt wird). Welche Erkenntnisse können Schweizer KMU aus der Erhebung gewinnen?

Kilian Widmer: Die Studie gibt einen allgemeinen Einblick in die chinesische Foodindustrie. Dabei sollen speziell der Markteinfuhrprozess, die einzelnen Branchen und Distributionsstrukturen, die Präferenzen der Chinesen sowie Chancen und Trends für Schweizer Foodproduzenten aufgezeigt werden. Dies soll als einfache Basis dienen, um zu prüfen, ob China  für die individuellen Produktleistungen ein Markt sein könnte. In der Studie wird aber nicht auf geografische Unterschiede eingegangen, die in dem Land mit 1,3 Mrd. Einwohnern sehr gross sein können.
Generell muss man sagen, dass der chinesische Nahrungsmittelmarkt nicht einfach ist. Das gilt beispielsweise für Schokolade, Kaffee und alkoholische Getränke. Es herrscht ein sehr harter Verdrängungskampf, der aber trotzdem attraktive Nischen zu bieten hat.

Zum Beispiel?

Etwa den sogenannten Horeca-Markt, also Hotels, Restaurants und Cafés. Hier wird eine reiche Käuferschicht angesprochen, die vor allem aus Geschäftsleuten besteht. Und China hat - absolut gesehen - nach den USA weltweit am meisten Millionäre aufzuweisen.

Wo haben KMU die besten Chancen?

Das «wo» ist erst einmal eine Frage des geografischen Ortes. Ein Schweizer KMU kann nicht einfach «China beliefern». Schweizer Produkte sind meistens im absoluten Premium-Highend-Segment zu finden. Darum ist es oft sinnvoll, in den drei grossen «first tier cities» Schanghai, Beijing und Shenzhen/Guangzhou zu beginnen, da das durchschnittliche Einkommen in diesen Städten deutlich höher ist als in anderen Landesteilen und so eine grössere Käuferschicht adressiert werden kann. Hilfreich ist ein Bezug zur Schweiz, denn diese Marke besitzt in China einen hohen Stellenwert. Man erwartet herausragende Qualität, akzeptiert aber auch höhere Preise.

An welche Lebensmittel denken Sie dabei?

An verarbeitete Produkte, also «Processed Food», wie Schokolade. Allerdings, um bei diesem Beispiel zu bleiben, wird Schokolade hier in China eher mit Belgien in Verbindung gebracht, weniger mit der Schweiz. Chancen sehen wir für Produkte, die sehr stark mit der Schweiz verbunden und von den Chinesen als authentisch empfunden werden. Beispielsweise ein stark lokal verankerter Schnaps wie ein Pflümli.

Auch Wodka aus der Schweiz?

Weniger. Denn die Chinesen verbinden bestimmte Kategorien von Produkten oft mit Ländern, und bevorzugen dann diese Anbieter. Bei Wodka denken sie an Russland. Bei Wein an Frankreich (Bordeaux) usw.

Sie haben Kaffee angesprochen. Wegen der Laktose-Intoleranz dürfte das vor allem Espresso sein …

Das auch, aber er sollte im Allgemeinen nicht zu stark sein. Cappuccino ist ebenfalls beliebt, da die Laktose-Intoleranz schätzungsweise «nur» 20 bis 30% der Bevölkerung betrifft und es auch Ersatzprodukte gibt wie etwa Sojamilch.

Mit welchen Schwierigkeiten müssen Exporteure rechnen, und welche Tipps können Sie ihnen bezüglich eines möglichen Markteinstiegs geben?

Wichtig ist, den Markt im Voraus genau zu analysieren und zu beobachten. Ein Engagement verlangt unter anderem, dass man das Land mehrere Male besucht. Denken Sie an den Wettbewerb, wenn Sie sich für einen Partner bzw. Distributor entschieden haben: Diese Leute bekommen ständig gute Angebote; Sie müssen etwas zu bieten haben und die richtigen Anreize setzen. Sonst sind die Anforderungen je nach Lebensmittel sehr unterschiedlich. Wird ein Produkt von den Behörden beispielsweise als «Health Food» eingestuft, muss das Produkt vor Einfuhr einem Registrierungsprozess unterzogen werden. Dies müsste im vornherein mit dem lokalen Partner abgeklärt werden.

Wie findet man den richtigen Partner?

Hier kann beispielsweise die Osec helfen. Je nach Anforderungen finden wir für Sie Partner oder evaluieren bereits gefundene Kontakte genauer. Vor Ort unterstützen wir Sie mit unserer lokalen Präsenz an Ihren Anlässen. Unsere Erfahrung zeigt: Ein Produkt kann noch so gut sein – wenn Marketing und Vertrieb nicht funktionieren, nutzt es Ihnen wenig.

Ein Dauerbrenner sind staatliche Reglemente und direkte Eingriffe. Was bedeutet das in der Praxis?

Direkte Eingriffe sind im Processed-Food-Bereich ein weniger grosses Thema als in anderen Bereichen wie beispielsweise Pharmazeutika. Was es dennoch zu beachten gilt, sind die protektionistisch motivierten Steuern, Zölle und Abgaben. Je nach Produkt und bestehender Binnenkonkurrenz belaufen sie sich auf bis zu 60%, beim Wein sind es beispielsweise 48,2%.

Was sollte man im Hinblick auf Nahrungs-Exporte unbedingt vermeiden? Worauf sollte geachtet werden?

Viele unterschätzen die Grösse des Landes. Es gibt Gebiete mit minus 30 Grad Celsius im Winter und solche mit plus 40 Grad im Sommer. Wenn die Lagerräume auf Schiffen und auf dem Festland keine gute Kühlung haben, verdirbt die Ware schnell. Zollpapiere müssen sie sauber und auch auf Mandarin deklarieren – das spart viel Zeit. Die Distributoren müssen über alle nötigen Lizenzen verfügen. Sonst kann Ihre Ware nicht nach China eingeführt werden.

Im Nahrungsmittelsektor Chinas herrscht eine hohe Inflation. Wachsen die Löhne der relevanten Käufergruppen adäquat mit, oder leidet die Kaufkraft unter dieser Entwicklung?

Die meisten Schweizer Exporteure müssen sich diesbezüglich keine grossen Sorgen machen. Im Premium-Bereich bzw. bei der gesuchten Klientel spielt die Preissteigerung der Naturprodukte und Rohstoffe nur eine untergeordnete Rolle. Zudem wächst die Käuferschicht kontinuierlich. Die Inflation ist vor allem für die einfachen Menschen ein Thema, die im Jahr CHF 5000 verdienen und fast ein Drittel bis die Hälfte davon für Lebensmittel aufwenden müssen. Sie werden als Käufer von Schweizer Nahrungsmitteln nicht in Frage kommen.

Zum Schluss noch eine Frage zum Freihandelsabkommen mit China: Wann rechnen Sie mit einem Abschluss?

Wenn es zügig vorangeht, vielleicht 2013. Wenn nicht, kann es noch Jahre dauern. Ein Freihandelsabkommen wäre ein grosser Vorteil gegenüber den anderen Hauptkonkurrenten, denn damit würden die Einfuhrzölle unter Druck geraten. Darüber hinaus haben weder die EU noch die USA zurzeit Aussicht auf ein baldiges Freihandelsabkommen mit dem Reich der Mitte. Das könnte zu einem Wettbewerbsvorteil für die Schweizer Nahrungsmittelindustrie avancieren.

 

Entwicklungen und Trends im Food Markt China, ist auch das Thema von Connect China im September. Zudem wird die Osec im Sommer eine entsrechende Studie zum Potential für Schweizer KMU präsentieren.

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