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Welche IT braucht die Finanzfabrik der Zukunft?
20.11.2009 | Der globaler werdende Wettbewerb zwingt zu ständigen Anpassungen der Organisationen,
der Leistungen und Abläufe. Business Process Platforms vereinfachen die Steuerung und
Implementierung von Kernprozessen über Unternehmensgrenzen hinweg.
Die Finanzbranche steckt in einem grundlegenden Wandel. Aus den herkömmlichen Kontoverwaltern, Kredit- und Absicherungsberatern werden industriell organisierte Retailer, Spezialisten oder Allfinanzanbieter. Verschiedene Trends haben diese Entwicklung in Gang gesetzt: So hat zum einen die Konkurrenz durch ausländische Banken und Drittanbieter stark zugenommen. Computer und Internet haben Angebote verfügbar und vergleichbarer gemacht; gleichzeitig wurden die Kunden immer kritischer und preisbewusster, und die Margen knapper.
«Banken, Finanzdienstleister und Versicherer konkurrieren heute auf denselben Märkten mit ähnlichen oder fast identischen Produkten.»
Banken, Finanzdienstleister und Versicherer konkurrieren heute zunehmend auf denselben Märkten mit ähnlichen oder fast identischen Produkten. Die Folgen: Der Druck, Produkte schneller zu entwickeln und auf den Markt zu bringen, hält an – ebenso wie die Notwendigkeit, sich grundsätzlich gewinnbringender auszurichten, zu organisieren und zu wirtschaften. Entsprechend brechen die alten Organisationsformen und Wertschöpfungsketten auf.
Kunden wollen Multi-Channel-Beratung Neue Vertriebswege sind zum Beispiel schon über Kooperationen mit Kaffeeröstern, der Lebensmittelindustrie oder mit Einzelhändlern entstanden, die zum Teil aber auch als neue Konkurrenten auftreten. Durch Fusionen und Übernahmen haben sich Banken und Versicherungen zu übergreifenden Finanzkonzernen entwickelt; mit gebündelten «Allfinanz»- oder «Assurbanking»-Angeboten wollen sie nicht nur Kunden hinzugewinnen und binden, sondern auch ihre Prozesskosten deutlich senken.
«Cross-Selling» und individuelle «Produktplus-Service»-Pakete drängen die klassischen Bank- und Versicherungsangebote weiter in den Hintergrund. Gleichzeitig spezialisieren sich einzelne Anbieter lediglich auf lukrative Geschäftsfelder, während Universalbanken zu reinen Vertriebsbanken mutieren. Multi-Channel-Beratung setzt sich durch – in neuartigen Handelsfilialen, aber auch beim Kunden zu Hause, am Arbeitsplatz oder im Supermarkt nebenan; unabhängig von Ort und Öffnungszeiten auch über Internetplattformen und Telekommunikation. Persönliche Berater sollen dabei nicht nur immer individueller beraten können, sondern auch möglichst überall verfügbar sein – das erfordert neue Konzepte in der Personaleinsatzplanung und -förderung.
Neuorganisation analog zur Automobilindustrie Zum wettbewerbsinduzierten Trend, den Einführungszeitraum (Time-to-Market) zu verkürzen, kommen hohe Verluste vor allem der Banken aufgrund der US-Immobilienkrise. Sie wirken als zusätzlicher Treiber, gewinnbringend zu arbeiten. Ferner zwingen Basel II, SOX und Euro SOX, SEPA (Single Euro Payment Area) und MiFID (Markets in Financial Instruments Directive) die Finanzbranche, die Qualität ihrer Abläufe zu steigern. Die Gesetze und Richtlinien zur EU-Finanzmarktintegration müssen in der Unternehmenssoftware verankert werden, was für die Institute weiterhin eine grosse Herausforderung darstellt. Die Versicherungsbranche ist unter anderem durch die Vorschrift, Provisionen erst über einen längeren Zeitraum abzurechnen (Versicherungs-Vertragsgesetz) und durch die Eigenkapitalvorschriften im europäischen Regelwerk Solvency II gefordert. Finanzdienstleister sehen sich als Folge dieser Trends gezwungen, sowohl die Geschäftsprozesse wie auch die darunterliegende IT neu auszurichten und wesentlich effizienter zu organisieren. Angestrebt wird die modular arbeitende Dienstleistungsfabrik, analog etwa zur Arbeitsteilung der Automobilbranche: Unter dem Leitbild des Geschäftsmodells sollen Prozesse vereinfacht, standardisiert und automatisiert, Kernprozesse ausgebaut, weniger Nutzen bringende Abläufe fremdbezogen oder ausgelagert werden.
Manches davon wurde schon umgesetzt: So ist typischerweise der Zahlungsverkehr schon über Automaten oder Onlinebanking industrialisiert worden. Im Versicherungsgeschäft lassen sich bereits Geschäftsvorfälle wie Angebote, Vertragsverwaltung, Schäden, Prämien oder Rückversicherung elektronisch abwickeln, ferner die Zusammenarbeit mit Externen wie Verkehrsämtern und Brokern. Im Zuge der Implementierung der SEPA-Vorschriften kam im Electronic Banking auch das Outsourcing der Zahlungsverkehrsvolumina bei Abwicklungsdienstleistern auf. Die Lohnbuchhaltung wurde ebenfalls schon vielfach ausgelagert. Doch Outsourcing allein ist nicht die Zukunft. Management-, Vertriebs- und Kundenprozesse – also die Kernprozesse, die eine Bank von der Konkurrenz differenziert – lassen sich nicht auslagern. Zudem verbieten oder beeinflussen häufig rechtliche Anforderungen wie das Bankengesetz und Aufsichtsvorschriften die Auslagerung.«Aus Alt mach Neu», heisst die DeviseDennoch gilt die klassische Standardsoftware – aufwendig kombiniert über Schnittstellen mit Fremdlösungen, Individualanpassungen oder Mietangeboten – bei der grossen Mehrheit der europäischen Banken nicht als dauerhafte IT-Zukunftsstrategie. Stattdessen setzen die Finanzinstitute auf integrierte, eine auf serviceorientierte Architektur (SOA) basierende IT, wie Studien unter anderem von Forrester Research, Pierre Audoin Consultants oder Softselect erwiesen haben. Die Vorteile: Eine SOA basiert auf koppelbaren, einheitlich und neutral definierten Bestandteilen (Services). Dadurch ermöglicht sie grundsätzlich, neue Anwendungen oder Geschäftsprozesse einfacher zu erstellen oder auch von Drittanbietern zu beziehen und damit die teure Abhängigkeit von Herstellern zu verringern. Änderungen von Organisationsstruktur und Geschäftsprozessen lassen sich mit Hilfe von Business Process Management (BPM) prinzipiell einfacher abbilden und ITseitig unterstützen. Der besondere Charme aus Sicht der Banken und Versicherer: Eine bestehende Applikationslandschaft kann über SOA fachlich aufgeteilt, in erneuerbare Segmente zerlegt und nach und nach substituiert oder modernisiert werden. Die Wiederverwendbarkeit von Business-Services ermöglicht Einsparungen bei Entwicklung und Betrieb, die Komplexität wird reduziert, unternehmensweite IT-Landschaften werden beherrschbarer. «Aus Alt mach Neu» ist darum die Devise vieler Bankmanager, auf die sich IT- und Softwareanbieter zunehmend einstellen: Ziel ist, die oft äusserst heterogenen, vielfach proprietären Altsysteme der Banken auf unterschiedlichster technologischer Basis möglichst hardwareneutral, schonend und kostengünstig durch übergreifende SOA-Software abzulösen. «Eine Alternative zu SOA stellen die Business Process Platforms dar, die die Umstellung auf herstellerneutrale, prozessgetriebene IT-Strukturen vereinfachen und beschleunigen können.»
Kein Neubeginn auf der grünen WieseDoch auf der grünen Wiese konzipierte und mit zusammengesetzter Middleware angepackte SOA-Projekte erweisen sich oft als fehleranfällig. Eine interessante Alternative sind darum integrierte Business Process Platforms, die die Umstellung auf herstellerneutrale, prozessgetriebene IT-Strukturen mithilfe vielfältiger Automatismen vereinfachen und beschleunigen können. Eine moderne Business Process Platform (BPP) vereint als kombinierte Entwicklungs-, Steuerungs- und Implementierungsplattform mehrere Bereiche: Sie enthält zum einen die technologischen Voraussetzungen, um branchenspezifische Anwendungen auf SOA-Basis standort- und bereichsübergreifend zu projektieren, zu erstellen und zu implementieren. Auf Basis einer zentralen Datenbank ergibt sich daraus auch die Möglichkeit, jederzeit Änderungen zentral und innerhalb des eigenen Netzwerks vorzunehmen. Eine BPP ermöglicht es ausserdem, Anwendungen zu verknüpfen, zu orchestrieren und wiederum übergreifend zu steuern, beispielweise anhand von SOX oder intern festgelegten Kennzahlen.
Kaum geboten wird bisher die vollständige, medienbruchfreie Integration aller Bereiche und Ebenen einer Business Process Platform samt Repositories und Bibliotheken. Doch nur so kann der Automatisierungseffekt wirklich greifen und auch bei der Herstellung und Erneuerung der Unternehmens-IT zu Kosteneinsparungen führen. Weitere Kostenpotenziale bietet die Möglichkeit, auf bereits vorgefertigte Business-Services, Komponenten oder Module zurückzugreifen, statt Standardabläufe aus Kreditgeschäft, Motorfahrzeugversicherungen oder Drittverwaltung neu zu erfinden. Dabei liesse sich sogar eine ganze Branchen-ERP auf SOA-Basis mit einer BPP kombinieren – in ganz dringenden Fällen der wohl einfachste Schritt in die Zukunft.

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