Dienstleister ticken individuell im Arbeitsstunden-Takt

30.08.2011 | Dienstleistungsbetriebe stellen an ein Standard-ERP-System ganz andere Anforderungen als Industrie und Handel. Eine Leistungs-Software muss sehr viel flexibler sein und die Mitarbeiterleistungen ins Zentrum stellen.

Es scheint paradox: In keinem anderen Wirtschaftssegment ist die PC-Dichte so hoch wie im Dienstleistungsbereich. Unter praktisch jedem Pult steht ein Rechner, dazu kommen Laptops und Smartphones. Gleichzeitig gibt es aber keinen anderen Bereich, der eine so geringe Durchdringung mit integrierten ERP-Systemen (Enterprise Resource Planning) aufweist. Experten schätzen heute den Anteil von integrierten ERP-Lösungen im Dienstleistungsbereich auf unter ein Drittel. Ein zweites Drittel arbeitet mit Individualentwicklungen. Das restliche Drittel schließlich verknüpft Einzelwerkzeuge wie Excel zu einem System „Marke Eigenbau“, um das Tagesgeschäft abzuwickeln.

Der Grund für diesen Widerspruch sind einige Besonderheiten, durch die sich Dienstleistungsunternehmen beispielsweise von der herstellenden Industrie oder vom Handel prinzipiell unterscheiden. Die wichtigsten Unterschiede sind sehr individuelle Prozesse, ein anderer Produktbegriff und der dominante Lohnanteil auf der Kostenseite. Die herkömmlichen ERP-Systeme können wegen dieser grundsätzlichen Differenzen Dienstleistungsbetriebe meist nur unbefriedigend abbilden.


Ungewöhnliche Prozessvielfalt

Der hohe Anteil an Individualentwicklungen und die Tatsache, dass zum Softwareeinsatz im heute bedeutendsten Wirtschaftsbereich nur Schätzungen und keine verlässlichen Zahlen bekannt sind, spiegelt eines der auffälligsten Charakteristika des Dienstleistungssektors wider: seine ungewöhnliche Diversität. Fast jeder Dienstleister ist einzigartig. Er deckt mit seinen Services häufig einen ganz speziellen Prozessbereich ab. Für viele Dienstleister ist diese Einzigartigkeit sogar ihr Erfolgsrezept schlechthin. Sie garantiert ihnen eine gewisse Monopolstellung und damit überdurchschnittliche Renditen. 

Die große Prozessvielfalt stellt aber auch an eine Standard-Software besondere Anforderungen. Sie muss sehr flexibel sein, um all die unterschiedlichen Ansprüche mit möglichst wenigen Anpassungen im Standard abbilden zu können.

Mit einer Individualentwicklung oder auch mit einer Lösung „Marke Eigenbau“ lässt sich die notwendige Flexibilität selbstverständlich erreichen. Diese Systeme haben allerdings den Nachteil, dass Änderungen grundsätzlich wesentlich aufwendiger sind, weil sie - im Gegensatz zu einem in sich anpassungsfähigen Standardsystem - viel mehr Handarbeit verlangen. Zudem gerät das Unternehmen mittel- und langfristig in eine viel größere Abhängigkeit vom Softwarelieferanten oder entsprechend qualifizierten Mitarbeitern, ohne die sich das System nicht mehr pflegen lässt.


Leistungs-Software: Die Arbeitsstunde im Zentrum

Bisher sind trotz dem offensichtlichen Bedarf nur wenige integrierte Standard-ERP-Systeme auf dem Markt. Um  ERP-Systeme, die speziell auf die Bedürfnisse des Dienstleistungsbereichs zugeschnitten sind, von den Industrie- und Handelslösungen zu unterscheiden, setzt sich für diese Softwarekategorie langsam der Begriff Leistungs-Software durch. Er beinhaltet die zentrale Größe, auf die eine betriebswirtschaftliche Software für Dienstleistungsbetriebe ausgerichtet sein muss: Die Leistungen der Mitarbeiter.

Während in der herstellenden Industrie und im Handel Infrastruktur, Energiekosten, Materialaufwendungen, Entwicklungsausgaben und im Zuge von Outsourcing und Globalisierung immer mehr auch Halbfabrikate von Zulieferern die Kostenseite beherrschen, haben Dienstleister relativ geringe Kapitalkosten. Vielen genügt ein Raum und eine IT-Infrastruktur, damit sie ihre Services erbringen können. Für sie machen jedoch die Mitarbeiterlöhne oft über 80 Prozent der Gesamtkosten aus.


Detaillierte Erfassung als Fundament

Will ein solches Mitarbeiter-zentriertes Unternehmen seine Performance verbessern, kann es dies am effektivsten, wenn es die Rentabilität seiner Mitarbeiter erhöht. Folgerichtig muss die Erfassung von deren Leistungen auch im Zentrum des ERP-Systems stehen. Nur wenn alle bezahlten und unbezahlten Tätigkeiten der einzelnen Mitarbeiter detailliert erfasst sind, kann in der Folge auch die Wirtschaftlichkeit von einzelnen Projekten, Unternehmenssparten, Tätigkeiten und Abteilungen analysiert werden.

Dabei ist es wichtig, dass die Leistungserfassung die Realität abbildet und von den Mitarbeitern nicht geschönt wird. Dies bedeutet, dass das Erfassen zum einen mit möglichst wenig Aufwand verbunden sein muss, und zum zweiten darf sie von den Angestellten nicht als untransparentes Kontrollinstrument empfunden werden.


Die Projekte sind die Produkte

Die zweite zentrale Komponente einer Leistungs-Software ist das Projekt- respektive Mandatsmanagement. Es entspricht der Produktionsplanung und -steuerung der produzierenden Industrie. Zusammen mit der Leistungserfassung bildet das Projektmanagement darum den Kern einer  integrierten Leistungs-Software. Andere Module wie CRM (Customer Relationship Management), Ressourcenplanung, Fremdkosten, Verrechnung oder Budgetierung bauen auf diesem Kern auf.

Eine weitere Besonderheit zeigt sich in der Kundenbeziehungspflege. Da ein Dienstleister meist eine eher kleine Zahl von Kunden bedient und ein Verkauf in der Regel in ein Projekt mündet und dieses später häufig Folgeprojekte nach sich zieht, ist es sinnvoll, die CRM-Funktionalitäten direkt mit dem Projektmanagement zu verknüpfen. Nur so entstehen automatisch vollständige Kundenhistorien, vom Lead und Verkauf über die Projektumsetzung bis zur Nachbetreuung.


Kostenrechnung zeigt Stärken der Leistungs-Software

Die Vorteile einer integrierten Leistungs-Software, die um die Leistungserfassung und das Projektmanagement aufgebaut ist, werden bei der Kostenrechnung offensichtlich, dem vielleicht wichtigsten Instrument zur Optimierung der Rentabilität eines Dienstleistungsbetriebs. Weil die Mitarbeiter projektbezogen in unterschiedlichen Rollen arbeiten, macht eine fixe Zuordnung zu einer Abteilung oder einer anderen Organisationseinheit wenig Sinn. Stattdessen betrachtet man besser die einzelnen Mitarbeiter als Vorkostenstellen, zumal auch die meisten anderen Kostenfaktoren wie Raum oder IT-Infrastruktur Mitarbeiter bezogen behandelt werden können. Mit Hilfe der  Daten einer detaillierten Leistungserfassung können diese Vorkosten dann automatisch den einzelnen Kostenträgern (Projekte) zugeordnet werden. Eine Umlagerung nach einem festen Schlüssel ist dann nur noch für die Administration und die internen Projekte notwendig.


Der Autor: Urs Berli ist Vertriebsleiter des Schweizer Leistungs-Software-Herstellers Vertec. Das Unternehmen fokussiert sich seit 15 Jahren auf ERP- und CRM-Standardlösungen für Dienstleister. Sie erreichen Herrn Berli unter urs.berli@vertec.com.

Dokumente:
Bewertung Ø:
   
Meine Bewertung:
Bookmark and Share
  Zur Homepage Fachbericht weiterempfehlen

Fragen und Kommentare (0)

nach oben