Die Slowakei - der europhile Karpatentiger

Die Slowakei - der europhile Karpatentiger
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Bratislava, erste Station der Unternehmerreise
30.07.2010 | Mit der „Wiedervereinigung Europas“ eröffneten sich neue Perspektiven der Zusammenarbeit mit den Ländern Mittel- und Osteuropas. Die Märkte in Mittelosteuropa, MOE, entwickeln sich rasch und werden zunehmend an Dynamik gewinnen. Daraus ergeben sich – sozusagen vor Ihrer Haustüre – neue Chancen für Schweizer Unternehmen und Produkte.

Autor: Christoph Thanei, Juli 2010  
 
Bratislava als Sonderfall am „Eisernen Vorhang“
Dank der geografischen Lage der slowakischen Hauptstadt Bratislava unmittelbar am „Eisernen Vorhang“, in Sichtweite der österreichischen Nachbargemeinden und im ungestörten Sendebereich der österreichischen TV- und Radiosender, waren viele Slowakinnen und Slowaken selbst in Zeiten strenger Medienzensur stets bestens über den „Westen“ informiert, der für sie meist gleichbedeutend mit Wien und Österreich war. Westliche Mode und westliche TV-Diskussionen erreichten Bratislava unmittelbarer als jede andere Großstadt des „Ostblocks“. Als kleinerer Landesteil der Tschechoslowakei stand die Slowakei aber traditionell im Schatten der doppelt so großen Tschechischen Republik. So ist im Westen bis heute wenig bekannt, dass die gegensätzlichen Symbolfiguren des Realsozialismus, Alexander Dubcek und Gustáv Husák, beide Slowaken waren.
 
Vom Sorgenkind zum Musterschüler Europas
Mit der ursprünglich gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit ausgehandelten staatlichen Unabhängigkeit ab dem 1. 1. 1993 begann die Slowakei ihren zunächst stolpernden, aber dann immer rasanteren Weg der West-Integration: Als „häßliches Entlein“ aus dem Ei geschlüpft entwickelte sich die kleine und junge Republik innerhalb weniger Jahre zum stolzen Schwan: Als 1999 die Nachbarländer Tschechien, Polen und Ungarn der Nato beitraten, wurde die Slowakei aus politischen Gründen als Mitglied abgelehnt. Schlimmer für die Slowakinnen und Slowaken war, dass auch die Europäische Union mit einer Verweigerung der Aufnahme drohte. Deshalb wählten sie nicht nur ihre Regierung ab, sondern demonstrierten ihren Beitrittswillen mit der größten Ja-Mehrheit, die je in einem EU-Beitrittsreferendum eines Kandidatenlandes erzielt wurde. Einmal aufgenommen, wurde die Slowakei in Kürze zum Klassenbesten: Kein anderes der neuen EU-Länder profitierte so stark vom EU-Beitritt 2004: Das BIP stieg seitdem von 57 auf 72 Prozent des EU-Durchschnitts. Und mit 1. Januar 2009 konnte die Slowakei als erstes Land des ehemaligen "Ostblocks" (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe / Comecon) den Euro als Währung einführen.
 
EU-Euphoriker als „Wahlmuffel“
In keinem anderen Mitgliedsland genießen die Europäische Union und ihre Institutionen so viel Sympathie wie in der Slowakei: Als die slowakischen Wahlberechtigten in ihrem Referendum am 16. und 17. Mai 2003 selbst über den Beitritt ihres Landes zur Europäischen Union entscheiden durften, stimmten sie mit der fast märchenhaften Mehrheit von 92,46 Prozent Ja-Stimmen dafür. Doch kaum durften die Slowakinnen und Slowaken 2004 auch über die Zusammensetzung des Europäischen Parlaments mitbestimmen, erwiesen sie sich überraschend als größte „Wahlmuffel“ der gesamten EU: Nur 16,96 Prozent der Stimmberechtigten nahmen an der EU-Parlamentswahl am 13. Juni 2004 teil. So niedrig war die Wahlbeteiligung in keinem anderen EU-Mitgliedsland. Trotz intensiver Motivierungskampagnen stieg die slowakische Wahlbeteiligung an den EU-Wahlen im Sommer 2009 nur leicht auf 19,64 Prozent.

Umso erstaunlicher sind daher Eurostat-Umfragen, laut denen dem EU-Parlament 67 Prozent der SlowakInnen vertrauen (Sommer 2009) - viel mehr als die Bürger jedes anderen EU-Mitgliedslandes. Ein Grund für diese widersprüchlichen Rekorde könnte nach Ansicht von Politik-Experten gerade das Fehlen einer Diskussion über Vor- und Nachteile der EU sein. Im Unterschied zu den meisten anderen alten wie auch neuen EU-Ländern gibt es in der Slowakei nämlich keine relevante Partei, die jemals die EU-Mitgliedschaft in Frage gestellt hätte.
 
Automobil-Weltmacht und „mitteleuropäischer Tigerstaat“
Mit niedrigen Löhnen bei hoher Qualifikation der Arbeitskräfte speziell in technischen Berufen hat sich die Slowakei schon früh als interessanter Investitionsstandort für internationale Konzerne - allen voran Volkswagen - angeboten. Doch erst der EU-Beitritt und eine parallel dazu gestartete radikale Sozial- und Steuerreform lösten einen riesigen Investitionsboom aus und machten das Land schlagartig vom wirtschaftlichen Nachzügler zum „mitteleuropäischen Tigerstaat“. Unter anderem führte die Slowakei ab 1. 1. 2004 mit einer Flat tax von 19 Prozent den damals niedrigsten Spitzensteuersatz Europas ein. (Auszeichnung durch die Weltbank: "reformorientierteste Volkswirtschaft der Welt").

In den ersten fünf Jahren EU-Mitgliedschaft wuchs das slowakische Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 35,8 Prozent. Das slowakische Wirtschaftswachstum war damit sogar kräftiger (und vor allem strukturell gesünder, weil weniger fremdfinanziert) als jenes der baltischen Staaten und stellte den Rest der EU deutlich in den Schatten. Nur China und andere nichteuropäische Länder wuchsen im selben Zeitraum noch stärker. Besonders anziehend wurde die Slowakei für Automobil- und Elektronikkonzerne und ihre Zulieferfirmen. So ist die kleine Slowakei mittlerweile zu einer internationalen Großmacht der Automobilindustrie herangewachsen: Das nur 5,4 Millionen Einwohner zählende Land verzeichnete ab 2007 die größte Pro-Kopf-Produktion an Autos auf der ganzen Welt.

Da die Slowakei ihre größten Banken (die inzwischen fast zur Gänze in ausländischem Besitz stehen) schon nach einer nationalen Finanzkrise zur Jahrtausendwende sanierte, blieb sie von der weltweiten Finanzkrise zunächst weitgehend unberührt und konnte noch bis Ende 2008 ein Wirtschaftswachstum verbuchen. Erst ab Jahresbeginn 2009 bekam das Land die einseitige Exportorientierung und die Dominanz der Automobilindustrie (VW, Peugeot, Kia und zahlreiche Zulieferfirmen) mit dramatischen Export- und Produktionseinbrüchen heftig zu spüren. Da die slowakischen Automobilwerke aber im internationalen Vergleich als besonders modern und flexibel gelten, dürfte der Industriestandort Slowakei nach Expertenmeinung mittelfristig sogar als Gewinner aus der weltweiten Krise hervorgehen.

Seit Jahresbeginn 2010 ist das Land wieder auf rasantem Wachstumskurs. Auf der Schattenseite des Booms bleiben jene liegen, die das Tempo nicht mithalten können: Pensionisten, Arbeitslose, Kranke und der unqualifizierte Großteil der Roma-Minderheit, die zahlenmäßig wächst, aber zugleich immer weniger integriert ist.

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