Transistoren aus Kunststoff für flexible Elektronik

Transistoren aus Kunststoff für flexible Elektronik
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Geldschein mit Chip: Die Transistoren, die Stuttgarter Forscher aus kleinen organischen Molekülen herstellen, arbeiten selbst auf einem rauen und geknickten Geldschein zuverlässig.
Archiv | 09.07.2011 | Druckbar, flexibel und preiswert – diese Eigenschaften versprechen Ingenieure sich von der organischen Elektronik. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Festkörperforschung und des Max-Planck-Instituts für Polymerforschung erforschen verschiedene Materialien, aus denen sich rollbare Bildschirme oder billige Chips für Massenprodukte herstellen lassen.

Vielleicht ist an Hagen Klauk ein Physiklehrer verloren gegangen. Auf jeden Fall kann er so gut erklären wie einer. Bei ihm erscheint der Elektronentransport durch Halbleiter plötzlich so klar und simpel wie ein Stromkreis mit Batterie und Birnchen. Klauk steht in einem weißen Overall mit Kapuze im staubfreien Reinraum. Die Lüftung surrt leise. „Ist ja klar, wenn die Moleküle im Halbleiter zu groß oder verdrillt sind, dann bleiben die Elektronen hängen und kommen kaum voran“, sagt er und dreht und beugt und streckt seine Arme. Dann steht er stramm. „Liegen die Moleküle aber fein säuberlich und eng nebeneinander, dann können die Elektronen regelrecht durchs Material sausen.“

Die Frage, wie man Elektronen auf Trab bringt, beschäftigt ihn schon seit mehr als zehn Jahren. Man könnte glauben, dass es Spannenderes gibt. Klauk aber kommt in Fahrt, wenn er von der Vision des aufrollbaren Flachbildschirms erzählt, der so dünn ist wie Overheadfolie und so bunt wie das Display eines Smartphones. „So ein Bildschirm, der ganz aus flexibler, dehnbarer Elektronik besteht, den man aufgerollt in die Tasche stecken kann; dazu versuchen wir unseren Teil beizutragen.“

Herkömmliche Displays bestehen aus Glas, auf das hauchdünn ein ungeordneter Film aus Silizium aufgedampft wird, der Elektronikwerkstoff schlechthin. Solche Displays lassen sich freilich nicht knicken. Nicht nur wegen des Glases. Auch das Silizium würde abplatzen und zerbröseln, wenn man es rollte oder faltete. Hagen Klauk interessiert sich deshalb für eine Materialklasse, die man erst seit Anfang der 1990er-Jahre so richtig ernst nimmt – Kunststoffe mit elektrischen Eigenschaften. Diese organische Elektronik besteht vor allem aus Kohlenstoff- und Wasserstoffmolekülen, den wichtigsten Ingredienzien von Kunststoffen eben. Noch aber kann es der biegsame und robuste Elektro-Kunststoff nicht mit dem Hochleistungssilizium aufnehmen – unter anderem, weil die Elektronen noch nicht schnell genug durch das Material flitzen.

Klauk und seine Kollegen haben sich auf Transistoren spezialisiert, die Kernkomponente aller elektronischen Bauteile und auch von Displays sind. Transistoren sind eine Art Stromventil. Sie regeln den Stromfluss in Mikroprozessoren oder in den winzigen Leuchtdioden von Flachbildschirmen. Klauk greift eine kleine Lupe vom Schreibtisch. „Hier, schauen Sie sich damit mal die Pixel auf meinem Smartphone an.“ Tatsächlich, das was man sonst unscharf als kleine Pünktchen auf dem Bildschirm erkennt, ist in der Vergrößerung ein perfekt geordnetes Nebeneinader von roten, grünen und blauen Strichen – winzig klein, nur Mikrometer groß. Jeder einzelne ist eine Leuchtdiode. Und jede Leuchtdiode wird von einem eigenen winzigen Transistor gesteuert. Fließt Strom, leuchtet die Diode, je nach Stromfluss heller oder dunkler. Ein großer Bildschirm bringt es auf Millionen von Transistoren. Und die bestehen bislang ausnahmslos aus aufgedampftem Silizium.
 
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Nur in der staubfreien Atmosphäre eines Reinraums kann das Team von Hagen Klauk aussagekräftige Experimente mit organischen Halbleitern machen. (© Max-Planck-Institut für Festkörperforschung)

Nicht so in Klauks Reinraumlabor am Max-Planck-Institut für Festkörperforschung in Stuttgart. Bei ihm gibt es kein Silizium mehr, sondern nur noch Transistoren aus Kunststoff, genauer aus kleinen, länglichen Kohlenwasserstoff-Molekülen, die wegen der Verteilung ihrer Elektronen zu den Aromaten zählen. Leuchtdioden aus Kohlenwasserstoff-Molekülen, die „organischen Leuchtdioden“, kurz OLEDs, werden bereits industriell hergestellt. Einige Elektronik-Konzerne verbauen sie in ersten Displays für Smartphones oder Tablet-PCs. Ähnlich leistungsfähige organische Transistoren aber gibt es noch nicht. Genau die will Klauk entwickeln, denn für den Biege-Bildschirm der Zukunft braucht man beides: flexible Leuchtdioden und flexible Transistoren.

Ganz gleich, ob ein Transistor aus Silizium oder Kohlenwasserstoffen gefertigt wird, an seinem Aufbau ändert das zunächst einmal nichts. Da wäre zunächst das Substrat, der Träger, auf dem die Schichten des Transistors in einer Art Sandwich aufgebracht werden. Als Träger dient gewöhnlich Glas. Klauk und seine Mitarbeiter nehmen hauchdünne Folie aus dem Kunststoff PEN, Overheadfolie. Auf das Substrat dampft man eine dünne Schicht Aluminium auf. Gate-Elektrode heißt dieser Metallklecks. Über sie lässt sich das Stromventils regeln: sie steuert den Elektronenfluss durch den Halbleiter.

Es folgt eine dünne Isolierschicht, das Dielektrikum. Das trennt die Gate-Elektrode unten von dem Halbleitermaterial oben, welches anschließend auf das Dielektrikum aufgetragen wird. Ein solcher Halbleiter kann je nach Zustand Strom leiten oder wie ein Isolator wirken. Gesteuert wird sein Verhalten über die elektrische Spannung an der Gate-Elektrode. Natürlich fließt Strom nur dann durch den Halbleiter, wenn das Material von zwei elektrischen Kontakten berührt wird, zwischen denen die Elektronen wandern können. Source und Drain nennt man diese Kontakte, die ganz oben auf dem Transistor sitzen.

Transistoren mit Siliziumherz sind etabliert und ausgereift. Bei den organischen Transistoren, den organischen Feldeffekttransistoren, den OFET, mussten Klauk und seine Kollegen aber gleich an mehreren Stellen feilen. Entscheidend ist unter anderem die Wandergeschwindigkeit der Elektronen, oder besser ihre Mobilität im Halbleitermaterial. Je schneller sie reagieren, desto schneller kann man den Transistor schalten. Licht an, Licht aus. Diode an, Diode aus. Das muss flott gehen, damit das Bild auf dem Display später flimmerfrei leuchtet. Punkt zwei ist die Betriebsspannung. Manche Transistoren brauchen eine Spannung von 50 bis 100 Volt, damit sich das Stromventil überhaupt öffnet. Für den aufrollbaren Bildschirm für unterwegs wäre das irrwitzig viel. Er sollte mit höchstens drei Volt arbeiten – der Spannung einer herkömmlichen kleinen Batterie.

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